Arztpraxis ohne Website: Was Praxen wirklich verlieren, ohne es zu merken
Eine Arztpraxis ohne Website bleibt für viele Patienten unsichtbar. Was das im Alltag konkret bedeutet – und wann es wirklich egal ist.
Björn-Christian Müller
Gründer & Geschäftsführer
Ein Patient tippt abends auf dem Sofa "Kinderarzt" und den Namen seines Stadtteils ins Handy. Drei Treffer erscheinen mit Fotos, Öffnungszeiten und ein paar Sätzen zum Team. Ein vierter Name taucht nur als nackte Adresse auf, ohne weitere Angaben, ohne Kontext, ohne irgendetwas, das Vertrauen schaffen könnte. Er ruft bei einem der drei anderen an – die Entscheidung ist in Sekunden gefallen, ohne dass er lange darüber nachgedacht hätte.
Diese Szene läuft täglich ab, in Zahnarztpraxen genauso wie in orthopädischen oder hausärztlichen Praxen. Wer keine eigene Website hat, verschwindet dabei nicht komplett aus dem Netz. Er verliert aber die Kontrolle darüber, wie und mit welchen Informationen er dort überhaupt auftaucht – und genau das macht den Unterschied im Alltag.
Was Patientinnen und Patienten heute tatsächlich tun
Bevor jemand überhaupt zum Telefon greift, hat er sich meist schon eine erste Meinung gebildet. Laut Bitkom achtet schon ein Drittel (34 Prozent) der Patientinnen und Patienten in Deutschland bei der Arztwahl auf gute Online-Bewertungen der jeweiligen Praxis. Wichtiger als Bewertungen sind laut Ärzteblatt allerdings andere Kriterien: Für Patienten zählt vor allem die schnelle Verfügbarkeit von Terminen (86 Prozent) sowie die Nähe zum eigenen Wohnort (79 Prozent) am meisten.
Ein dritter Punkt wird in Praxen häufig unterschätzt, obwohl er ähnlich relevant ist: Fast die Hälfte der Befragten (45 Prozent) legt bei der Arztwahl außerdem Wert darauf, dass sich online Termine vereinbaren lassen. Das betrifft nicht nur die Suche nach einer neuen Praxis, sondern auch den Umgang mit bereits bestehenden Terminen. Auch nach dem Arztbesuch bleiben Patientinnen und Patienten online aktiv: Laut Bitkom holen 67 Prozent der Internetnutzerinnen und Internetnutzer im Anschluss an einen Arztbesuch Informationen im Internet ein, etwas mehr als in den Jahren zuvor. Wer als Praxis online kaum auffindbar ist, wird bei alledem schlicht übersprungen – meist nicht aus Ablehnung, sondern aus Zeitmangel. Die nächste Praxis mit brauchbaren Informationen ist ja nur einen weiteren Klick entfernt.
Die Praxis ist trotzdem im Netz – nur nicht so, wie sie es möchte
Keine eigene Website zu haben heißt nicht, offline zu sein. Meist taucht die Praxis trotzdem irgendwo auf: im Branchenverzeichnis der Kassenärztlichen Vereinigung, im Google-Kartenausschnitt, vielleicht auf einem Bewertungsportal mit einem Basisprofil, das nie jemand aus der Praxis selbst angelegt hat. Patienten sehen also durchaus ein Bild von der Praxis – nur ist es eines, das andere zusammengestellt haben, nicht die Praxis selbst.
Zum Problem wird das vor allem dann, wenn sich etwas ändert. Neue Öffnungszeiten wegen einer Fortbildung, ein neuer Kollege im Team, eine geänderte Telefonnummer nach dem Umzug in andere Räume: Ohne eigenen Kanal gibt es keinen Ort, an dem die Praxis solche Informationen selbst und zeitnah korrigieren kann. Der veraltete Eintrag bleibt einfach stehen – bis irgendwann jemand vor einer verschlossenen Tür steht oder eine längst abgeschaltete Nummer wählt. Für die Praxis selbst bleibt das oft unsichtbar. Für den betroffenen Patienten ist es dagegen sehr konkret, und es kostet ihn im ungünstigsten Fall einen ganzen Nachmittag.
Ein Google-Profil ist kein Ersatz für eine eigene Seite
Viele Praxen verlassen sich inzwischen auf ihr Google-Unternehmensprofil und halten das für ausreichend. Für die reine Auffindbarkeit stimmt das durchaus: Adresse, Öffnungszeiten und Bewertungen lassen sich darüber gut abbilden. Sobald es aber um Erklärung geht, stößt ein solches Profil an klare Grenzen. Es bietet kaum Platz, um Leistungen verständlich darzustellen, keinen Raum für Kontext zur Praxis und keine Möglichkeit, etwa IGeL-Angebote so zu erklären, dass es weder zu knapp noch werberechtlich angreifbar wird.
Eine eigene Website übernimmt genau diese Aufgabe. Sie kann das Praxisteam vorstellen, den Ablauf einer Erstuntersuchung erläutern oder aufzeigen, welche Unterlagen zum ersten Termin mitgebracht werden sollten. Nichts davon lässt sich in einem Kartenausschnitt oder einer Profilbeschreibung mit wenigen hundert Zeichen unterbringen. Ein Profil bleibt damit ein guter Ausgangspunkt, aber selten ein vollständiger Ersatz für einen eigenen Auftritt.
Was praktisch verloren geht
Der Verlust zeigt sich selten als ein einzelnes, dramatisches Ereignis. Er zeigt sich eher als eine Reihe kleiner, unauffälliger Momente, die für sich genommen kaum auffallen und sich erst in der Summe bemerkbar machen:
- Ein Patient sucht abends nach einer Praxis, die noch aufnimmt, und ruft mangels Alternative direkt bei einer der drei Konkurrenzpraxen mit eigener Website an.
- Eine Praxis bietet eine IGeL-Leistung an, kann sie aber nirgendwo verständlich und werberechtlich sauber erklären, weil dafür schlicht kein eigener, kontrollierter Kanal existiert.
- Ein Neuzuzug in der Stadt kennt niemanden, der eine Empfehlung aussprechen könnte, und verlässt sich komplett auf das, was sich online finden lässt.
- Jemand möchte vorab wissen, ob die Praxis barrierefrei erreichbar ist, ob es Parkplätze gibt oder ob sich ein Anmeldeformular vorab herunterladen lässt – und findet dazu nichts.
- Ein bestehender Patient sucht die Praxisadresse für eine Überweisung heraus und landet auf einem Eintrag, der seit Jahren nicht mehr aktualisiert wurde.
Keiner dieser Punkte ist für sich allein existenzbedrohend. In der Summe erklären sie aber, warum manche Praxen trotz guter fachlicher Arbeit langsamer wachsen als vergleichbare Praxen wenige Straßen weiter.
Wo eine Website tatsächlich verzichtbar ist
Zur Ehrlichkeit gehört an dieser Stelle auch das Gegenteil: Nicht jede Praxis braucht eine Website, um gut zu funktionieren. Wer als Facharzt ausschließlich über Überweisung arbeitet, wer bereits eine lange Warteliste hat und ohnehin keine neuen Patienten aufnehmen möchte, oder wer in einer sehr kleinen Gemeinde die einzige Praxis vor Ort ist, verliert durch das Fehlen einer Website vergleichsweise wenig an Sichtbarkeit. Die Werbewirkung einer eigenen Seite entfaltet sich schließlich vor allem dort, wo für Patienten tatsächlich eine Wahl zwischen mehreren Praxen besteht. Manchmal reicht dann auch eine einzelne, schlanke Seite mit den wichtigsten Angaben völlig aus.
Ein rechtlicher Punkt bleibt davon aber unberührt. Sobald eine Praxis irgendeine Form von digitalem Auftritt geschäftsmäßig betreibt – dazu zählt bereits ein aktiv gepflegtes Google-Unternehmensprofil oder eine Facebook-Seite –, gelten in der Regel die allgemeinen Informationspflichten. Nach dem Digitale-Dienste-Gesetz müssen Diensteanbieter für geschäftsmäßige, in der Regel gegen Entgelt angebotene digitale Dienste bestimmte Informationen leicht erkennbar, unmittelbar erreichbar und ständig verfügbar halten. Diese Pflicht beschränkt sich dabei nicht auf klassische Websites: Die Industrie- und Handelskammern zählen zu den digitalen Diensten ausdrücklich auch Plattform-Auftritte und Fanseiten, etwa auf Facebook. Wer also glaubt, ganz ohne Website auch automatisch ganz ohne Informationspflichten dazustehen, irrt in der Praxis häufig. Dieser Abschnitt ersetzt keine Rechtsberatung, Stand Juli 2026.
Was sich mit wenig Aufwand ändern lässt
Der erste Schritt ist selten der Launch einer neuen Website, sondern ein ehrlicher Blick auf den Ist-Zustand. Welche Einträge existieren bereits über die eigene Praxis, ohne dass sie jemand aus der Praxis aktiv gepflegt hat? Stimmen Adresse, Telefonnummer und Öffnungszeiten überall überein? Und gibt es überhaupt einen Ort, an dem Patienten mehr als drei Zeilen über die Praxis erfahren – zum Team, zum Leistungsspektrum, zur Anfahrt?
Ein erster, überschaubarer Fahrplan sieht meist so aus:
- Bestehende Einträge auf Google, Bewertungsportalen und in Branchenverzeichnissen sammeln und auf Richtigkeit prüfen.
- Festlegen, welche Kerninformationen eine eigene Seite mindestens enthalten sollte: Kontakt, Öffnungszeiten, Leistungsspektrum, Anfahrt.
- Entscheiden, ob eine schlanke Informationsseite reicht oder ob Funktionen wie eine Online-Terminbuchung sinnvoll wären.
- Impressum und Pflichtangaben von Anfang an mitdenken, statt sie erst nachträglich zu ergänzen.
Wer das für die eigene Praxis noch nicht systematisch geprüft hat, bekommt mit einem kostenlosen Website-Check einen ersten, unaufgeregten Überblick. Danach lässt sich in Ruhe entscheiden: Reicht eine schlanke Informationsseite mit Kontakt, Leistungen und Anfahrt, oder soll es ein vollständigerer Auftritt werden, der auch aktiv bei der Neupatientengewinnung mitarbeitet? Für Praxen, die sich für Letzteres entscheiden, lohnt sich ein Blick auf individuelles Website-Design, das sich an der jeweiligen Fachrichtung orientiert statt an einer austauschbaren Schablone.
Fazit: Womit anfangen?
Eine Website ist kein Statussymbol und keine Pflichtübung um ihrer selbst willen. Sie ist der einzige Ort, an dem eine Praxis selbst bestimmt, welches Bild Patienten von ihr bekommen. Wer aktuell keine hat, verliert dadurch nicht sofort und nicht dramatisch etwas – sondern kontinuierlich, in kleinen Momenten, die sich kaum nachträglich messen lassen.
Der pragmatischste erste Schritt ist deshalb nicht die große Investition, sondern die Bestandsaufnahme: Was zeigt das Netz heute schon über die eigene Praxis, ohne dass es je jemand kontrolliert hätte? Von dort aus lässt sich in aller Ruhe entscheiden, wie viel Website eine Praxis tatsächlich braucht. Weitere Beiträge zu diesem und verwandten Themen finden sich im Ratgeber.
Häufige Fragen
- Reicht ein gepflegtes Google-Unternehmensprofil nicht auch ohne eigene Website?
- Für die Grundauffindbarkeit ja, für alles Weitere nur bedingt. Ein Profil zeigt Adresse, Öffnungszeiten und Bewertungen, aber keine Erklärung zu Leistungen, keinen Kontext zur Praxis und keine Möglichkeit, IGeL-Angebote rechtssicher darzustellen.
- Brauchen auch Praxen ohne Aufnahme neuer Patienten eine Website?
- Nicht zwingend. Wenn die Patientenliste voll ist und keine Neupatienten gesucht werden, verliert die Werbefunktion einer Website an Bedeutung. Eine schlichte Informationsseite mit Kontakt und Öffnungszeiten kann trotzdem sinnvoll bleiben.
- Gilt die Impressumspflicht auch, wenn die Praxis nur ein Google-Profil oder eine Social-Media-Seite betreibt?
- In der Regel ja, sobald das Profil geschäftsmäßig genutzt wird. Die Pflichtangaben nach Paragraf 5 DDG greifen unabhängig davon, ob es sich um eine eigene Website oder ein Profil auf einer Plattform handelt. Dieser Hinweis ersetzt keine Rechtsberatung, Stand Juli 2026.
- Wie lange dauert es, eine einfache Praxis-Website aufzusetzen?
- Das hängt vom Umfang ab. Eine schlanke Seite mit Kontakt, Leistungen und Anfahrt lässt sich deutlich schneller umsetzen als ein Auftritt mit Online-Terminbuchung, mehreren Standorten oder umfangreichem Leistungsverzeichnis.
- Was kostet eine Website für eine kleine Praxis ungefähr?
- Das lässt sich pauschal nicht seriös beziffern, da Umfang, Design-Anspruch und technische Anforderungen stark variieren. Ein kostenloser Website-Check gibt zumindest Aufschluss darüber, wo die eigene Praxis aktuell steht.
Quellen
- Bitkom: Ein Drittel liest Online-Bewertungen vor dem Arztbesuch
- Bitkom: Zwei Drittel recherchieren nach dem Arztbesuch im Netz
- Deutsches Ärzteblatt: Ein Drittel der Patienten liest Onlinebewertungen vor Arztbesuch
- Digitale-Dienste-Gesetz, Paragraf 5: Allgemeine Informationspflichten
- IHK Chemnitz: Informationspflichten im Internet – Die Impressumspflicht
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